Geburtsbericht
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Geburtsbericht: Leserin Sina erzählt – Teil 2

Die Geburtsberichte zu Sinas ersten beiden Geburten könnt ihr hier lesen. Und nun kommt der dritte:

Geburt von Nummer 3: Lange wollte ich kein drittes Kind. Wollten wir das Schicksal nach zwei so unkomplizierten Schwangerschaften und Geburten wirklich nochmal herausfordernd? Ich haderte lang. 

Ein Jahr nach dem abstillen der kleinen war ich bereit, es nochmal zu wagen. Einen Monat später war ich schwanger. Wir waren in der Zwischenzeit umgezogen und „meine“ Hebamme über 1000km entfernt. Beleggeburten gibt es hier nicht. Ich fand einen sehr sympathische, die zufälligerweise auch Hausgeburten betreute. Ich war begeistert. Jedoch wusste ich, mein Mann so ganz und gar nicht. Er ist selbst Arzt und hat schon viele Komplikationen gesehen. Wir trafen uns zu dritt und er war irgendwie von der Hebamme und ihren Argumenten und Statistiken überzeugt. So träumte ich von meiner Hausgeburt und plante schon etwas. Wo sollen die Kinder unterkommen, wenn ich sie vielleicht dann doch nicht dabei haben will oder sie nicht wollen… 

Bis zur 20. Woche war alles wie zuvor unkompliziert und ohne Beschwerden. Beim zweiten Ultraschall, den ich Lockdown bedingt ohne Mann machen musste, sah ich es sofort auf dem Bildschirm mit dem Ultraschall. Da passt was nicht. Da schwimmt was vorm Baby, was ins Baby gehört. Ich erhielt eine Überweisung und sollte in die Uniklinik gehen zur Pränataldiagnostik. Mein Mann organisierte mir am selben Tag direkt dort ein Termin und wir gingen gemeinsam (er über den dienstlichen Weg in weiß) dorthin. Ich war fest davon überzeugt, dass das Baby gesund ist und alles genau so passt, wie es ist. Das Baby hat eine Omphalozele. So die Diagnose. Einen Nabelbruch und der Darm liegt außerhalb des Bauches. Und 6 von 10 Kinder damit haben eine (schwerwiegende) Trisomie. Zum Teil nicht lebensfähig. Ich solle nach Hause gehen und über eine Fruchtwasserpunktion nachdenken. Ich sah mein Mann an und sagte, entweder heute oder gar nicht. Ich wollte nicht darüber nachdenken, was die Untersuchung bedeutet, was es für Risiken gab. So fragten wir, ob es auch heute ginge. Ja so war es. Also wurde die Punktion direkt durchgeführt und ich darüber aufgeklärt, dass ich jederzeit einen Spätabbruch durchführen lassen kann. Da wir nun offiziell ein Baby mit Fehlbildung erwarten. Ich war total wütend, so etwas kam nicht in Frage, zumindest nicht für uns. Das Baby hat sich genau die richtige Familie ausgesucht, egal was es hat. 24 Stunden später stand fest, bis auf die Omphalozele hat das Baby nichts. Ich versuchte mich in den nächsten Wochen wieder voll auf uns zu fokussieren und mich nicht zu sehr von den engmaschigen Kontrollen aus dem Konzept bringen zu lassen. Auch meine Gynäkologin teilte mir zweimal mit, ich könnte das Baby „ja wegmachen lassen“, wenn es mich jetzt schon so emotional machen würde. Total verrückt, unempathisch und den Beruf verfehlt! Das war mein letzter Besuch bei ihr. Eine Hausgeburt war natürlich nun undenkbar und ein Kaiserschnitt geplant. Der war für 37+0 terminiert. Ich bereitet mich so weit es ging auf das vor, was mich und vor allem das Baby nach der Geburt erwartete. Wir wurden vom Kinderchirurgen aufgeklärt und konnten all unsere Frage stellen und Ängste mitteilen. 

Die Großen wusste (altersentsprechend) über die Fehlbildung Bescheid und wir gingen auch allen anderen gegenüber damit offen um. Mich nervten nur so Floskeln wie „Mädchen oder Junge- na Hauptsache gesund“. Was für eine dumme Aussage und wie kränkend sie sein kann. Meine Große antworte darauf schon voll routiniert mit ihren fünf Jahren: „nein, Hauptsache geliebt!“ 

Wöchentlich war ich zur Kontrolle und zwei mal wurden schon Wehen aufgezeichnet, die ich jedoch nicht spürte. Mir wurde mehrfach gesagt, dass ich beim kleinsten Anzeichen losfahren muss, da das Baby ohne Kaiserschnitt nicht überlebte.

Mittwochs, eine Woche vorm Termin zur Sectio, war ich wieder zur Kontrolle und alles passte. Am nächsten Morgen brachte ich die Großen in den Kindergarten und sagte, „bis heut Nachmittag- außer euer Bruder will raus“. Zuhause frühstückte ich nochmal und machte noch die letzten Erledigungen um die Kliniktasche zu packen. Mittags fühlte ich mich komisch, wusste nicht warum. Dachte kurz nach und beschloss, in die Klinik zu fahren. Rief meine beste Freundin an, die gerade Mittagspause hatte und bat sie mich zu fahren. Warum auch immer, wir griffen automatisch beide zum Mund-Nasen-Schutz im Auto, war es doch gerade November und die Coronaneuinfektionen explodierten. Zum Glück im Nachhinein. In der Klinik wurden deutliche Wehen aufgezeigt, die ich kaum spürte. Ich wurde untersucht, erneut zum CTG geschickt. Wieder untersucht. In einer halben Stunde hat sich der Muttermund um 3cm geöffnet. Das Baby kommt also heute. Wann ich zuletzt gegessen hab, wann ich nüchtern sei zur Sectio wurde geklärt. Coronaabstrich gemacht. Mein Mann und ich scherzten, wenn die Ärzte gleich vermummte reinkommen, wissen wir Bescheid… schon stand der Arzt in Schutzkleidung im Raum. Ich sei positiv! Ich völlig fertig. Hatte ich mich doch seit Wochen nicht mal zum spielen mit anderen verabredet, war nicht einkaufen und nirgend. Lediglich die Kinder hab ich in den Kindergarten gebracht und geholt. Jedoch nur vor der Tür, nicht in der Einrichtung. Nach dem Schock mussten wir sortieren. Was heißt das? Auch fürs Baby? Für die großen Kinder? Mein Mann musste sofort heim und samt Kinder in Quarantäne. Sie waren noch bei den Großeltern. Ich musste da jetzt allein durch. Puh!!! Mein Mann war völlig fertig, weinte beim Abschied. Ich war überraschenderweise ruhig, auch in dem Wissen, dass das Baby keine Stresshormone gebrauchen kann, gerade bei dem Weg, das es noch vor sich hat. Ich fokussierte mich wieder. Um 17:28 Uhr war der Kleine da. 3970g und 50cm groß. Ich hörte ihn schreien und er war sofort weg. Er wurde mir nicht gezeigt, nichts. Der Stress war nun deutlich spürbar bei mir und ich zitterte völlig unkontrolliert und es hörte nicht auf. Erst als ich Beruhigungsmittel bekam. Ich bekam Bilder von ihm gereicht (eingepackt ohne ersichtliche Fehlbildung). Es gehe ihm gut, er ist auf der Intensivstation isoliert, da K1 zu mir als positive. Ich kam auch isoliert auf die Wochenbettstation. Dort wurde ich völlig allein gelassen und den Rest dort erspar ich euch… der Kleine wurde am nächsten Tag direkt operiert und ich durfte ihn erst nach 48 Stunden zum aller ersten Mal sehen. Die schlimmste Zeit meines Lebens!!! Ich pumpte fleißig Milch, die zum Glück floss (3. Kind). Drei mal am Tag durfte ich zu ihm. In Schutzkleidung und über Umwege, damit ich niemanden begegne (20 Minuten pro Weg, ein Traum so frisch nach dem Kaiserschnitt). Er machte das so so super. Wurde recht schnell aus dem künstlichen Koma geholt und dann exturbiert. Nach drei Tagen wollten sie mich entlassen in die häusliche Quarantäne, mir gehe es ja gut, ich sei so viel unterwegs. Besuchen könnte ich ihn dann natürlich nicht, sei ja in Quarantäne. Ich brach völlig zusammen und sagte, dass sie mich dann direkt wegen Wochenbettdepressionen einweisen können. So wurde mir noch eine Nacht „gegönnt“. Mein Mann (selbst ja nicht vor Ort sondern in Quarantäne) setzte Himmel und Menschen in der Klinik in Bewegung und so wurden der kleine Mann und ich am fünften Tag zusammen verlegt auf die Kinderchirurgie. Dort waren wir zusammen in Quarantäne und wir kuschelten (trotz der vielen Kabel und Zugänge) ununterbrochen. Die Bilder von der Omphalozele ließ ich mir zeigen, wie es vor der Operation ausgesehen hat. Das brauchte ich zum Verarbeiten. Vorzeitig wurden wir nach 11 Tagen entlassen. Wir stillten da schon voll. Geplant waren ursprünglich 21 Tage Aufenthalt. So konnte mein Mann seinen Sohn endlich nach 11 Tagen zum ersten Mal sehen. Und auch die großen freuten sich so sehr. Wir brauchten eine lange Zeit, um zu verarbeiten. Und auch heute träume ich zum Teil nachts von ihm intubiert auf der Intensivstation. Aber es wird besser. Und das beste: er ist bis auf die Narbe völlig gesund und entwickelt sich super. Der Chefchirurg hat zum Abschied bei der letzten Kontrolluntersuchung gesagt, er wird ihn als coole Socke in Erinnerung behalten, der alles im Eiltempo gemacht hat. Er war übrigens immer negativ getestet. Ich hatte den Geruchssinn verloren, sonst keine Symptome. 

Da ich so tolle selbstbestimmte Geburten erleben durfte, war ich schon in der Schwangerschaft schnell versöhnt mit dem Kaiserschnitt. Auch in dem Wissen, ihm das Leben zu retten. Und ich durfte immerhin eine Zeit lang vor der Hausgeburt träumen. Das versöhnt mich auch. Aber ein viertes Kind wird es nicht geben. Wir sind komplett und so glücklich! 

Diesen spannenden Geburtsbericht hat Sina geschrieben :)

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