Rabenmutter 2.0

Klopapier am Straßenrand

Es ist noch gar nicht lange her, da ließ ich abends beim Zähneputzen müde und schon etwas tranig den Blick durchs Badezimmer gleiten … vom mit Schaum wild um sich spuckende Kind zu meiner Linken, über das geordnete Chaos mit zarter Staubschicht auf der Waschbecken-Ablage bis zu der Stelle, an der das Klopapier immer steht. Stehen sollte. Denn da stand nichts. Und das, obwohl ich doch eigentlich am selben Tag bei dm eine neue „Sturm“-Packung erworben hatte. Da war ich absolut sicher, denn ich erinnerte mich sehr gut daran, es vom Einkaufszettel gestrichen und mir nach dem Bezahlen unter den Arm geklemmt zu haben. Klar, es musste mal wieder alles mega flott gehen, weil meine vor Langeweile bereits lauthals brüllende Tochter im Kinderwagen kurz vor der Explosion stand und ich die Gefahr schnellstmöglich mit so einer klebrigen Obstschnitte (ohne gehe ich nie aus dem Haus!!!) bannen wollte. Ich musste also alle Einkäufe zusammenraffen, den Wagen losschieben und parallel die scheiß Verpackung öffnen. Aber solche Situationen händelt man als Mutter ja mindestens 30 mal am Tag – deshalb war ich mir trotzdem absolut sicher, das Klopapier dabei gehabt zu haben, als ich auf die Straße trat. Nur war es jetzt nicht dort, wo es hätte sein sollen. Und leider auch an keinem anderen Ort in der Wohnung. Oder im Treppenhaus. Oder vor der Haustür. Es war nicht aufzufinden und damit stand leider eines absolut fest: Irgendwo zwischen dm und unserem Zuhause hatte ich eine große Packung Toilettenpapier VERLOREN. WTF! Wie geht denn sowas????

Mein Mann hat sich natürlich halb schlapp gelacht. Logisch. Wer verliert auch schon Klopapier … einfach so auf den Kölner Ringen. Da muss man ja schon ziemlich neben der Spur sein. Ist ja schließlich kein Taschentuch, das einem mal eben unbemerkt „entgleiten“ kann. Mir ist es auch immernoch total schleierhaft. Ich kann nur vermuten, dass ich es an irgendeiner Ampel KURZ abgestellt habe, weil ich beide Hände brauchte, um meinem Kind die Reste der OKlopapierbstschnitte aus Nase, Ohren und Haaren zu fummeln (das Zeug klebt echt wie die Hölle!). Und SEHR wahrscheinlich habe ich es bei grün dann einfach stehenlassen. Kann passieren. Naja, eigentlich nicht, aber ist halt passiert. Da frage ich mich natürlich auch: Wieso zum Teufel sagt eigentlich niemand was, wenn eine (möglicherweise leicht angenervt wirkende) Frau eine verdammte Riesen-Packung Kack-Pappe stehen lässt??? Echt jetzt! Man wartet in Köln schließlich nicht allein an der Ampel. NIEMALS. Da kann doch mal einer was sagen! Manno! Aber gut … sich darüber aufzuregen hilft nichts. Die meisten halten eben lieber den Mund, wenn ihnen jemand mit offener Hose, einem sich unbemerkt außen an der Strickjacke verhakten BH (das ist nicht mir passiert, sondern einer Arbeitskollegin. Ehrlich!!!) oder eben OHNE Klopapier entgegen kommt. Da wird maximal gekichert, ein Foto gemacht und es mit einem dummen Spruch versehen bei Facebook gepostet (ICH würde sowas NIE machen!!! *hüstel*). So ist es nun mal. Muss man mit leben.
Meine neue – nennen wir es mal – Schusseligkeit hingegen verdiente etwas mehr Aufmerksamkeit. Und nachdem ich mich selbst mal ein kleines bisschen bewusster beobachtet habe, kam ich zu dem Schluss: Das mit dem Klopapier war leider kein Einzelfall! (AHHHHHH!)

Es war einmal …

Damals, in der Pre-Nachwuchs-Zeit, war ich eine bestens organisierte, meistens clevere, oftmals vielbeschäftigte und ausgeschlafene Frau, die ihren Beruf liebte und mit Bravour ausübte, die natürlich ganz nebenbei und easy einen Zwei-Personen-und-zwei-Katzen-Haushalt schmiss, sich oft und gerne mit ihren Freunden traf, fast immer mit Zuverlässig- und Pünktlichkeit glänzte, übelst nervtötenden Smalltalk mit eigentlich unerträglichen Mitmenschen (oder Kunden ;)) über Stunden lächelnd meisterte, gern mal einen über den Durst trank und rauchte wie ein Schlot. Ich war gaaaaanz reizend ;) .

Und auch wenn ich NATÜRLICH heute noch (oft … ich meine, manchmal ) genauso reizend bin wie früher, haben sich seit der Geburt meines Kindes doch ein paar Kleinigkeiten für mich und an mir geändert. Die schwerwiegendste ist wohl die, dass mein Haupt-Gesprächs- und Interaktionspartner gerade erst sprechen lernt und das eventuell langsam zu unerwünschten Nebenwirkungen führt: Offensichtlich nimmt mein Gehirn aufgrund der konsequenten Kombination aus mangelndem Input und Schlaf zeitweise den Zustand von Ellas Vormittagsbrei an – anders kann ich mir die geistigen Aussetzer nicht erklären, die mich z.B. besagtes Klopapier verlieren lassen.

Mutti wird langsam komisch

Das Mama-sein ist die tollste, erfüllendste, dankbarste, wichtigste, aber auch aufreibendste und anstrengendste Aufgabe, die ich je hatte. Ich würde sie gegen nichts eintauschen und bin wirklich absolut glücklich mit meiner Entscheidung, diesen Job vorerst in Vollzeit auszuüben. Und eigentlich bin ich auch echt oft beeindruckt davon, was man als Mutter alles schafft: z.B. Speed-Putzen (was hab ich früher gebummelt!!!), Multi-Washing (3 Maschinen an einem Tag sind noch nix!), Extrem-Organisiering (als „Chefsekretärin“ eines Kindes weiß man die ganzen Kalender- und Listen-Funktionen eines Smartphones erst richtig zu schätzen) und 24-Std-Betüddeling (wer braucht schon Pausen und/oder Schlaf, wenns um das „Licht des Lebens“ geht ;) ). Total krass und toll eigentlich, oder? JA! Und trotzdem … irgendwie wird man auch etwas komisch als Mutter. (Ich verallgemeinere das jetzt einfach mal, weil ich GANZ STARK HOFFE, dass ich damit nicht allein bin! :D )

Ich habe eine Sturmpackung Klopapier irgendwo auf den Kölner Ringen verloren! Es ist wirklich unfassbar. Aber erschreckender Weise nur die Spitze des Eisberges: Ich stecke die Ladestation meiner Zahnbürste ein, vergesse aber regelmäßig, die Zahnbürste auch „anzudocken“. Ich lasse meinem Kind ein Bad ein, penne aber, wenn’s darum geht, den Stöpsel reinzustecken. Ich erzähle dem Lieferanten meiner neuen Spülmaschine bei seinem Anruf meinen halben Tagesablauf – inklusive Duschvorgang – nur weil er fragt, ob’s mir in ca. einer Stunde passen würde. Ich schaffe es grundsätzlich kaum noch, ein Telefonat zu führen, dass länger als drei Minuten dauert, weil ständig jemand (ich möchte jetzt keine Namen nennen) an meinem Bein zerrt, brüllt, Sachen rumschmeißt oder auf den Arm will (also meinen Mann meine ich nicht – das ist spätestens jetzt klar :D). Meine mich früher mit Stolz erfüllende Pünktlichkeit ist Vergangenheit; heute bin ich froh, wenn ich den TAG der Verabredung einhalten kann – Uhrzeiten sind nur noch grobe Richtwerte (Verabredungen mit Nicht-Eltern fallen dadurch eigentlich schon von vorneherein aus. Die verstehen das nämlich nicht so richtig, wenn man spontanen Baby-Dünnpfiff oder das doch sehr spezielle Lauf- bzw. Schleich- bzw. an-jedem-Steinchen-stehen-bleiben-Tempo eines kleinen Fußgängers als Entschuldigung für Verspätungen zwischen 10 Minuten und 2 Stunden anführt).

Richtig erschreckend finde ich meine „Einbußen“ in Sachen Sozialverhalten. Früher hatte ich echt die Ruhe weg mit Idioten und Spinnern, heute „beiße“ ich direkt verbal um mich. Ich hab einfach nicht mehr so viele Nerven übrig für Inkompetenz, dummes Gelaber und lächerliche Tipps – der Großteil meiner zur Verfügung stehenden Geduld geht ans Kind, der Rest an meinen Mann (sorry, Captain, ist nur ein Witz … ehrlich ;) ) Da bleibt nicht mehr viel übrig, um z.B. im Smalltalk mit Verkäufern, die mir erst nicht zuhören, mich aber dann trotzdem „beraten“ wollen, mit einem höflichen Lächeln zu reagieren. (Meisten hab ich für so einen Quatsch auch einfach keine Zeit – außer ich hab ne Obstschnitte zur Kinderbestechung dabei. Aber dann hab ich trotzdem noch keine Lust, mich sinnlos volllabern zu lassen.)
Meinen bisherigen Tiefpunkt in dieser Sache erreichte ich – glaube ich – bei einem Besuch in der Apotheke: Der arme Mann hinter dem Verkaufstresen riet mir, mit meinen ewigen Rückenschmerzen doch einfach mal ein bisschen im Bett zu bleiben. Daraufhin fing ich leicht hysterisch an zu lachen, zeigte auf meine zuckersüß lächelnde Tochter im Kinderwagen und sagte: „Sowas schon mal gesehen? Das ist ein Baby! Sieht voll niedlich aus, ist aber eine echt beinharte Chefin – Auszeiten, auf der Couch rumgammeln und krank feiern stehen nicht in meinem Arbeitsvertrag. Aber putzig, dass Sie sowas vorschlagen. Sie haben wohl keine Kinder, was?“ (Unnötig zu erwähnen, dass ich seit dem in eine andere Apotheke gehe ;))

Ich frage mich, ob das womöglich noch schlimmer wird? Vielleicht sollte ich so einen Einkaufs-Service in Betracht ziehen … nur um unseren Vorrat an Toilettenpapier zu sichern und Verkäufer, die es BESTIMMT nur gut meinen, zu schützen. Und eventuell wäre ein Warnschild am Kinderwagen eine gute Idee: „Vorsicht, bissige Mutti! Bitte nicht beraten!“ Mach ich einfach! Schaden kann’s ja nicht ;)

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6 Kommentare für “Klopapier am Straßenrand

  1. Ha, Ha, Ha!! Ich habe gerade so gefeiert bei deinem Artikel :-).
    Seit ich letztens einer Arzthelferin genauso „nett“ geantwortet habe, wie Sie mich befragt hat, steht in meiner Patientenakte der Zusatz „Zartbitter“. Blöd nur, wenn die Patientin das mitbekommt und dann auch noch bei der Dame nachfragt, was das bedeuten soll.
    In diesem Sinne: Sind wir nicht alle ein wenig manchmal?
    Grüße aus dem Norden

  2. Oh, die Geduldsvorräte! Damit bist du wirklich nicht allein. Ich bringe in letzter Zeit (Sohn ist zwei) auch keinerlei Toleranz mehr für sinnloses Zeit verschwenden auf. Und hab auch die Aggressivität, Leute darauf aufmerksam zu machen, wenn sie Quatsch machen.

    1. Oh ja, da sagst du was. Besonders bei diesen netten Anrufen von irgendwelchen Partnerunternehmen der Felicitas-Tante. Ich hab dafür weder Zeit noch Geduld. Nächstes Mal reiche ich das Telefon einfach mal an meinen Sohnemann weiter. Zwei Fliegen mit einer Klappe: der Bub hört auf zu drängeln, dass er telefonieren will und ich bin die Werbeanrufe los.