Geburtsberichte
Leser*innen-/Geburtsberichte

Leserin-Geburtsbericht: Kaddi erzählt (zum zweiten Mal)

Zwei Monate nachdem ich den letzten Geburtsbericht schrieb, war es soweit.
Der kleine Bruder sollte kommen.
Diesmal sollte alles ganz anders werden – mit glücklicher Familie, in der Heimatstadt mit fähiger Hebamme und viel Selbstvertrauen.
Das klappte nur teilweise.
Eine Woche vor der Geburt wurde das Gewicht des kleinen Bruders auf knapp vier Kilo geschätzt. Es war die 36. Ssw und ich wurde noch schnell auf Insulin eingestellt, obwohl die Diabetis bis dahin vernachlässigt wurde – immerhin war der große Zuckertest negativ.
Von dem Papa des Kleinen trennte ich mich im Laufe der Schwangerschaft – wir wohnten noch zusammen aber hatten festgestellt – Beziehungsgefühle waren keine mehr übrig.
Und nach drei Fehlalarmen war meine Mutter nicht begeistert, ihrer Chefin den Dienst abzusagen, um auf den Großen aufzupassen.
Gegen Acht machte ich auf dem Fernseher einen Film über Schildkröten an und veratmete die Wehen, die alle fünf Minuten an- und abebbten.

Gegen halb neun trudelte meine Mama ein und genervt scheuchte ich den Mann hin und her. Wir stritten uns wegen irgendwas, aber dann hockte ich mich hin.
“So, Baby, ich muss dir was sagen. Das Leben, in das du hier rauskommst, ist alles andere als perfekt. Deine Mama ist verrückt und dein Papa ein unreifer Idiot. Aber ich verspreche dir- du bist herzlich willkommen. Wir freuen uns auf dich, wir lieben dich, und wir werden uns immer zusammenreißen, damit es dir gut geht. Auch wenn wir noch keinen Namen haben, die Wohnung unfertig ist und dein Bett noch nicht steht – wenn dein Bruder ständig zickt und deine Eltern ständig streiten – wir sind für dich da. Trau dich ruhig, wirklich!
Du hast wirklich tolle Eltern und eine große Familie, die immer ihr bestes gibt. ”
Kurz darauf scheuchte meine Mutter uns fort – mit den Worten” Haut endlich ab jetzt”, nachdem ich den Filou nochmal fest drückte und ihm erklärte, dass ich ihm wohl bald seinen Bruder mit nach Hause bringen würde.
In der Klinik angekommen veratmete ich die Wehen eine halbe Stunde lang, bevor ich ans CTG angeschlossen wurde.
Wieder Rückenwehen. Wie beim erstenKind zeichnete das Gerät die Ausschläge kaum auf. “Na, es geht zwar los, aber ich denke, Sie können nochmal nach Hause. Wir gucken noch eine halbe Stunde, aber ich denke sie können noch mal gehen.”
Also lag ich da und atmete. Mit Beginn der Wehe summte ich Melodien und stellte fest – singen hilft. Für die nächsten zwei Stunden sang ich also mit jeder Wehe irgendein Lied.
Der Mann machte mich anhand der Zahlen darauf aufmerksam, dass eine Wehe anrollte – bis ich ihn darauf aufmerksam machte, dass ich wohl vor lauter Wut das CTG Gerät anhebe und schmeiße, sollte er das nochmal tun, da ich das durchaus auch selbst bemerkte.
Irgendwann schickte die Hebamme ihn los, ich weiß nicht mehr, warum. Ich hatte darauf beharrt, unmöglich jetzt nach Haue zu können und deshalb ein Zimmer auf Station versprochen bekommen – dass ich nicht nutzen sollte, denn just in dem Moment, in dem der Mann einsteigen und fahren sollte, platzte meine Fruchtblase und ich durfte – immer noch singend – in den Kreissaal. Meine Vertraute kam recht bald dazu und unterstützte mich – es gab einen Disput, weil sich keine spotify playlist an die Boxen anschließen ließ und eine Wassergeburt nicht drin war – schließlich wurde ich wütend, weil ich nicht statt der Musik Nachrichten hören wollte – und auch sonst liefen alle Gespräche eher chaotisch.
Trotzdem war es gut. Ich durfte hin und her laufen, singen, wurde auf Untersuchungen vorbereitet und freundlich begleitet- durfte Schmerzmittel haben (fragte irgendwann auch nach einer PDA aber bekam keine)
Vor Allem aber durfte ich pressen, als es sich danach anfühlte.
In der vorangegangenen Geburt sollte ich lang dagegen ankämpfen – hier sagte meine Hebamme deutlich: “Wer hat denn gesagt, Sie dürfen nicht? Ich habe das nicht gesagt. Wenn Ihr Körper sagt” pressen”, dann bitte, schieben Sie mit!”
Und ich fühlte mich ganz unheimlich gestärkt.
Statt eines Wehenmittels bekam ich später die Anweisung, die Wehen nicht mehr zu vertönen, sondern stattdessen die ganze Kraft ins Schieben zu legen – und nachdem der 37cm dicke Kopf des Zwerges drei Mal zurück in den Kanal flutschte (!!!) und ich ohne Wehen drückte – war er da. Seinen Namen durfte ich aussuchen – und auch er durfte nicht zum Kuscheln bleiben. Ganz blau und schlaff lag er da, wurde abgesaugt und mir nur kurz gezeigt – durfte ihn erst recht spät auf der Neo besuchen, aber ich war sehr ruhig und stolz.
Ohne Geburtsverletzungen, freundlich begleitet hatte ich des Filous kleinem Bruder auf die Welt geholfen.
Und nach einer Menge Emotionen und drei Tagen hin und her zurIntensivstation, auf der der Kniros nur zur Überwachung aber kerngesund lag – nach einigem Hin und Her betreffend einer Gelbsucht oder eben nicht und viel Drängen, durfte ich am dritten Abend mit dem großen und dem Kleinen nach Hause und die erste Woche Kuschelzeit bei meiner Mutter genießen.
Auch hier ging nicht alles glatt – aber ich habe etwas unheimlich wichtiges gelernt.
Ich darf mir vertrauen, dann wird alles gut. Am Ende bin ich immer die beste und fähigste Mama, die ich sein kann und genau die, die meine Kinder brauchen.

Ja, so war das also – als die kleine, speckige Schildkröte mit vier Hälsen (Doppelkinn) auf die Welt kam – um 3.37 Uhr, am 03.02.19, mit 51cm Länge, 37 cm KU und 4800(!!!)g, damit also einem satten kilo mehr als der Filou… Oder, wie die Hebamme sagte- ein Stück Butter mehr auf jedem Quadratzentimeter Haut.

Diesen spannenden Geburtsbericht hat Kaddi geschrieben :)

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