schuld
Rabenmutter 2.0

Mütter und die Schuld

Jede Mutter kennt ihn, diesen Blick, mit dem wir bedacht werden, wenn unser Gegenüber ein schnelles Urteil über uns fällt und uns für „schuldig“ befindet. Schuldig, es verkackt zu haben – eine aktuelle Situation oder auch gleich komplett als Mutter. Schuldig im Sinne der Anklage! Oder auch ohne Anklage. Meist erreicht uns der Blick von Menschen, die weder uns, noch alle Bestandteile des verurteilten Momentes oder Ergebnisses kennen! Echte PRO’S können diesen Blick sogar telefonisch übermitteln … durch ein ganz besonders zermürbendes Schweigen mitten im Gespräch. Da muss man schon fast den Hut ziehen, denn DAS kann nicht jeder; schweigend Schuld übertragen … ohne DEN Blick als visuelles Stilmittel. Echt, das ist eine hohe Kunst! ;)

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Noch viel höher ist aber eigentlich die Kunst, sich den Schuh der Schuld NICHT anzuziehen, ganz egal wie professionell er überreicht wird. Ich wünschte wirklich, ich könnte von mir behaupten, zumindest DIESE Kunst zu beherrschen … so als gestandene Frau und Mutter, mit dem aus Lebenserfahrung resultierendem Wissen, dass ich KEIN totaler Volltrottel und durchaus in der Lage bin, brauchbare Entscheidungen zu treffen und mich als Mutter den Großteil der Zeit (pädagogisch betrachtet) wenigstens einigermaßen über Wasser zu halten. Bis, ja BIS irgendetwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet habe (was natürlich eigentlich gefühlt alle paar Tage vorkommt :D) und sich dann jemand findet, der sich die Zeit nimmt, mit dem Finger auf mich zu zeigen und mich der Unfähigkeit zu bezichtigen … kommuniziert mit DEM Blick, der sagt: DU BIST SCHULD, DU HAST ES TOTAL VERKACKT! Ich liebe diese Momente. Nicht!!!

Alles versucht und dennoch „schuld“

Mein jüngstes Beispiel: die leider wirklich ätzende Zahngeschichte der Mausemaus. Da ich jahrzehntelang wirklich schlimm Angst vor Zahnärzten hatte, wollte ich ihr das ersparen und habe sie schon als Baby immer mitgenommen. Sehr regelmäßigen Zahn-Kontrollen gibt’s für sie im Prinzip seit sie Zähne hat und sogar beim Kieferorthopäden war ich mit ihr schon, als sie erst drei Jahre alt war, weil ich mir Sorgen wegen dem Schnuller-Ergebnis machte. Die tägliche Zahnhygiene hat uns lange viel Kraft gekostet, aber irgendwann lief auch das einigermaßen, wobei es natürlich immer besser geht … keine Frage. Unschön wurde es, als ihr mit etwas über vier zum ersten Mal ein Stück Zahn einfach abbrach, weil sie auf eine Schokolinse biss. Damit begann eigentlich das Elend. Ständig fiel die Füllung raus und es entstanden kleine Kariesstellen. Wir blieben dran und wachsam, testeten auch verschiedene Kinderzahnarzt-Praxen, in denen ich mich jedes Mal regelrecht beschimpfen ließ, weil ich dem Kind mal einen Schuss Saft im Wasser und Schokolade erlaubte. Ich wurde behandelt, als würde ich mein Kind misshandeln. Überraschenderweise fand ich das so blöd, dass wir nur noch gemeinsam zu meiner wirklich herzlichen Zahnärztin gingen. Ich verbot unheimlich viel an Süßigkeiten – alles, was die Gefahr mitbrachte, die empfindlichen Zähnchen mehr zu schädigen – aber natürlich nicht alles, was im Endeffekt „schlecht“ für Zähne sein kann. Leider habe ich nie genau checken lassen, ob sie vielleicht Kreidezähne hat. Aber ob das wirklich einen Unterschied gemacht hätte, weiß ich gar nicht. Fakt ist: Die Mausemaus hat keine gute Zahnsubstanz, wahrscheinlich haben ihr das meine Gene beschert, und die ganze, schmerzhafte Geschichte gipfelte nun in einer Zahn-OP mit Vollnarkose, in der meinem armen Kind drei Milch-Backenzähne gezogen werden mussten. Vielleicht hätte man die Zähnchen retten können, wenn wir nicht aufgrund von Corona so viele Wochen nach einer passenden Kinder-Zahnarzt-Praxis gesucht hätten, in der niemand beleidigt oder komplett über den Tisch gezogen werde würde, die aber dennoch in der Lage sind, eine kindgerechte OP durchzuführen. Denn letzteres kann unsere Familien-Zahnärztin zu ihrem eigenen Leidwesen nicht bieten.

So stand ich vor Kurzem mal wieder in einer Praxis, diesmal mit Blick auf das erste Zahn-Röntgenbild meiner Tochter, mit Tränen in den Augen und fragte die eigentlich durchaus nett wirkende Ärztin mit brechender Stimme, wie das bloß hatte passieren können, wo ich doch wirklich alles als Mama gegeben hatte und wirklich STÄNDIG mit dem Kind zum Zahnarzt rannte. Sie sagte nichts. Nichts. Sie schenkte mir nur den Blick. Sie haben‘s halt verkackt, hörte ich sie wortlos sagen. Sie tat nichts, um meine Scham zu mildern. Meine Scham für die genetische Veranlagung meiner Tochter. Ich fühlte mich unwohl, SCHULDIG, sehr sogar, und stimmte der OP eine Woche später zu, denn mein Kind sollte endlich die scheiß Zahnschmerzen loswerden.

Ich hab‘s verkackt, dachte ich tagelang immer wieder und schämte mich in Grund und Boden dafür, dass ich es nicht geschafft hatte, die Zähne meiner Tochter kariesfrei zu halten und nicht hatte verhindern können, dass sie zum Teil einfach mittendurch brachen in ihrem Mund. Ich hab’s verkackt. Ich miese Mutter. Natürlich flüsterte eine leise Stimme in mir, dass ich NICHT schuld daran war. Aber die Stimme, die das Gegenteil behauptete, war lauter. Wurde sie doch befeuert von diesem Blick, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

Man selbst kann’s manchmal gar nicht sehen

Wir Eltern tragen eine wirklich große Verantwortung. Wir tragen die Verantwortung für das Leben, das Wohlbefinden und das Glück unserer Kinder. Das ist eine echt große Sache, eine wirklich riesige Aufgabe, die wir aber natürlich gerne und mit totaler Inbrunst stemmen. Jeden Tag tun wir unser menschenmögliches, um unsere Kinder zu schützen und zu fördern, ihnen einfach alles zu geben, was sie brauchen oder brauchen könnten. Allerdings … sind wir eben trotzdem nur Menschen. Wir können nicht alles und wir können auch nicht alles verhindern. Manchmal passieren unvorhersehbare Dinge oder vielleicht auch vorhersehbare … Dinge, die uns straucheln lassen oder plötzlich mal unsere Kapazitäten oder unsere Leistung als Elternteil einschränken. Oder schlicht KACKE wie die Zahnnummer, die wir mit allen Mitteln verhindern wollten, aber nicht konnten. Dann stellt sich uns selbst und gefühlt allen Menschen um uns herum sofort die Schuldfrage: Haben die Eltern es verkackt? Sind sie schuld? Und blitzschnell kommt meist ein AUF JEDEN FALL hinterher, weil das in unserer Gesellschaft offenbar über Jahrhunderte gelernt wurde: Geht was schief beim Kind, sind die Eltern schuld. In den meisten Fällen sogar die Mutter. Warum? Ach, ist einfach so.

Das stimmt natürlich nicht und tief im Herzen wissen wir Beschuldigten das auch, aber erstmal tut es dennoch ganz arg weh, wenn wir DEN Blick kassieren und es fällt uns schwer, die Schuld von uns zu weisen. Das Kind ist vom Klettergerüst gefallen? Da hat die Mutter wohl nicht genug aufgepasst. Das Kind hat Karies? Da hat die Mutter wohl nicht genug geputzt und zu viel Süßes gegeben. Das Kind ist beim Fahrradfahren üben hingefallen? Da hat die Mutter wohl nicht ordentlich festgehalten. Dank Corona gibt es aktuell sogar noch viel mehr Möglichkeiten, uns Schuld zuzuschieben: In Mathe das Minusrechnen nicht verstanden? Da hat die Mutter des Homeschooling wohl nicht ernst genug genommen. In Englisch die ganzen Vokabeln nicht gelernt? Da hat die Mutter offenbar ihrer Arbeit vor die des Kindes gestellt. Das Kind ist zu müde? Da hat die Mutter es wohl zu spät ins Bett gebracht. Es NERVT und ist natürlich kompletter Bockmist, ABER oft brauchen wir einen Moment, um das zu begreifen, oder sogar eine außenstehende Person, die uns sagt, dass sich da gerade jemand wie ein verkackter Arsch aufführt.

Meine Freundin z.B. musste ein paar Tage ins Krankenhaus und lag danach eine Woche mit Schmerzen im Bett. Sie kündigte ihren „Ausfall“ und die daraus möglicherweise resultierenden „Nachlässigkeiten“ in Sachen Homeschooling bei der Lehrerin ihres Sohnes an, erhielt aber dennoch kurz danach einen vorwurfsvollen Anruf derselben, die der gerade erst wieder genesenden Mutter unmissverständlich die Schuld dafür gab, dass der Junge seinen Wochen-Arbeitsplan nicht geschafft hatte, weil SIE krank war. Unverschämt von der Lehrerin und absolut nachvollziehbar, dass meine Freundin stinksauer war. Und trotzdem schnürte ihr das Gefühl der Schuld tagelang den Magen zu, während ich sofort losschimpfte wie ein Rohrspatz und dieser Lehrerin stellvertretend für meine Freundin am liebsten mal ganz, ganz laut MEINE Meinung dazu mitgeteilt hätte. Hab ich zwar nicht, aber es tat mir und meiner Freundin sehr gut, dass wir uns einfach mal gegenseitig FÜR die andere aufgeregt hatten. Es minderte das Gefühl der Schuld, die gar nicht unsere war, erheblich.

Männer bzw. Väter machen‘s besser

Ich schrieb eben, dass in den meisten Fällen einer „Schuldfrage“, die Mutter den Pokal abräumt. Warum ist das eigentlich so? Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung … ich kann nur raten. Vielleicht liegt es zum Teil daran, dass in vielen Familien auch heute noch die Mamis mehr Zeit mit den Kids verbringen, als die Papis und deshalb auch öfter erste Ansprechperson in Arztpraxen oder Lehrerzimmern oder Notaufnahmen sind. Natürlich sollte man das nicht verallgemeinern, aber tatsächlich ist es nun mal bei vielen genauso. Der weitaus wichtigere Punkt ist aber vermutlich folgender: (Die meisten) Männer ziehen sich nicht jeden Schuh an, der ihnen vor die Nase gestellt wird … nur weil er dann dasteht. Schon gar nicht, wenn er in Form von einem Blick oder Schweigen daherkommt. „Fühlst du dich gar nicht dafür verantwortlich, dass die Mausemaus so schlechte Zähne hat?“ fragte ich den Mann nachdem feststand, dass die OP definitiv sein müsste. „Nein, warum auch?! Ich bin nicht schuld daran und du auch nicht. Niemand kann etwas dafür, du bzw. wir haben echt unser Bestes gegeben, sowas zu verhindern, aber gegen die Gene kommt man halt nicht an. Oder Pech. Was auch immer es jetzt war. SCHULD sind wir jedenfalls nicht. Und es ist einfach nur ätzend, dass dir dieses Gefühl vermittelt wurde.“

Exakt genauso reagierte der Mann meiner Freundin auf die Vorwürfe der Lehrerin. Und auch jeder andere, dem ich eine dieser Geschichten erzählte und zugab, Schuld dafür zu empfinden, obwohl ich weiß, NICHT Schuld zu sein.

(Die meisten) Männer / Väter sind da einfach beneidenswert anders. Sie ziehen sich nicht jeden Schuh gleich an. Sie gucken erst mal, ob ihnen die Marke überhaupt passt, schütteln dann den Kopf und gehen Schultern zuckend weg. Manchmal bin ich so verdammt neidisch darauf. Warum können wir Mütter das nicht?! Warum kann ich das nicht? Und dann sehe ich so einen Werbespot von einem Erkältungsmedikament, in dem es heißt: Mütter nehmen sich nicht frei – Mütter nehmen „ … “ Medikamente, um ja nicht zu schwächeln, sondern immer 100% und mehr für die Familie zu leisten. Der Basis-Gedanke mag sogar stimmen, aber das es nicht heißt: „Mütter KÖNNEN nicht frei nehmen, Mütter MÜSSEN immer weiter machen!“ und die Lösung dann lautet: Mütter bekommen Unterstützung, weil sie es verdienen und auch keine Übermenschen sind, ist der Spot dennoch ein Griff ins Klo und nur ein weiteres Symbol für all das, was hier falsch läuft in Sachen Elternschaft und der völlig übertriebenen Erwartungshaltung, die uns an der Hacke klebt wie frische Hundescheiße.

Ich möchte in Zukunft etwas ändern – ich möchte nicht mehr immer schuld sein

Fakt ist: Ich kann nicht alles, ich kann nicht immer und vor allem bin ich nicht ALLES schuld. Ich habe meinem Kind kein Nutella auf die Zahnbürste geschmiert oder es mit Gummibärchen im Mund ins Bett geschickt. Ich achte sehr auf ihre Gesundheit. Ihre ganze Gesundheit. Es mag sein, dass ich kein Zahnarzt bin. Es mag sein, dass ich Fehler mache. Es mag sein, dass ich Gefahrenquellen übersehe. Aber ich bin nicht alles SCHULD. Ich bin keine schlechte Mutter, weil mein Kind Karies hat oder die Minusaufgaben nicht im Akkord rechnet, nach Monaten des Homeschoolings durch mich, eine Mutter ohne Lehramt-Studium. Ich bin eine gute Mutter. Eine VERDAMMT gute Mutter. Denn ich gebe mein Fucking Bestes und das jeden Tag! Und in Zukunft werde ich Blicken, die mir Schuld für etwas geben wollen, für das ich einfach nicht verantwortlich bin, wie folgt begegnen: „Ich habe Schuhgröße 40 und trage am liebsten Doc‘s. Das schicke Schuld-Modell, das SIE mir da gerade anziehen wollen, passt leider nicht zu meinem Outfit. Sorry!“

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr den Beitrag teilt! :-*

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2 Kommentare für “Mütter und die Schuld

  1. Ich hatte Tränen in den Augen beim Lesen. Dieses Gefühl, alles falsch zu machen und nichts richtig machen zu können kann so lähmend sein. Danke für deine Worte!